Nachhaltiges Leben und Wirtschaften in den oberbayerischen Alpen

Die Alpen sind eine einzigartige Bergregion. Die Schönheit von Natur und Landschaft ist weltweit bekannt. Der hohe Artenreichtum macht die Alpen zu einer „Arche Noah“ Europas. Vielfältige Kulturen, Sprachen und Traditionen treffen hier auf engstem Raum zusammen. Die Alpen sind darüber hinaus ein vielfältiger Wirtschaftsraum, der seinen Bewohnerinnen und Bewohnern eine hohe Lebensqualität bietet. Natur und Landschaft, sportliche und kulturelle Angebote, aber auch wirtschaftliche Aktivitäten locken jährlich viele Millionen Reisende in die Alpen. Auch in Bayern ist der Alpenraum eines der wichtigsten Ziele des Fremdenverkehrs, sowie Ziel für eine wachsende Zahl von Tagesausflügen aus den rasch wachsenden Ballungsräumen.

Vor 25 Jahren wurde von neun Anrainerstaaten die Alpenkonvention beschlossen: Ein völkerrechtlicher Vertrag über den umfassenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen. Trotz einiger Erfolge ist es noch ein langer Weg, bis die Ziele der Alpenkonvention erreicht werden können. Seit der Unterzeichnung im Jahr 1991 sind eine Reihe von Entwicklungen eingetreten, die zu mehr Engagement als bislang nötigen. Deshalb ist es an der Zeit, eine Strategie zu entwickeln, wie der Alpenraum auch in 20 Jahren ein mindestens so attraktiver, nachhaltiger und gleichwohl prosperierender Raum sein kann – mit hoher Lebensqualität und interessanten Perspektiven für die Zukunft der Bewohnerinnen und Bewohner.

Gravierender Strukturwandel drängt zum Handeln

Die Alpen, wie wir sie kennen, sind einem gravierenden Strukturwandel unterworfen.

  • Der Klimawandel vollzieht sich in den Alpen schneller und intensiver als andernorts. Die allermeisten bayerischen Skigebiete haben aufgrund ihrer niedrigen Höhenlage keine Zukunft. Gleichwohl setzt die Staatsregierung unverändert auf neue Schneekanonen und Liftanlagen.
    Auch für den Wald und die Forstwirtschaft bedeuten veränderte Standortbedingungen große Herausforderungen für die Zukunft. Felsstürze, Lawinenabgänge, Muren und Überschwemmungen bedrohen Leib, Leben und Existenz der Bewohnerinnen und Bewohner der Alpentäler.
  • Die Alpen- und Voralpenregion ist, wie alle ländlichen Gebiete, stark vom demographischen Wandel betroffen: Während viele junge Menschen zu Studium und Arbeit in die Ballungsräume ziehen, ziehen viele Seniorinnen und Senioren in ländliche Gemeinden, das Duchschnittsalter steigt. Das bedeutet neue Herausforderungen aber auch Chancen.
  • Die Immobilienpreise in landschaftlich attraktiven und gut an die Metropolen angebundenen Gegenden steigen immer weiter an, nicht zuletzt durch den hohen Bestand an Zweitwohnungen und Altersruhesitzen. Die Verflechtung am Rande der städtischen Ballungsräume wächst. Teilweise sind abgelegene Orte von Abwanderung betroffen. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die örtliche Infrastruktur.
  • Für Einzelhandel auf der „grünen Wiese“, sowie für den Straßenbau werden riesige Flächen verbraucht. Flächenfraß und Zersiedelung bedrohen die landschaftliche Schönheit, die Tourismuswirtschaft und rauben landwirtschaftlich wertvolle Böden. Die Aufhebung des sogenannten Anbindegebotes durch die bayerische Staatsregierung, das Gewerbegebiete auch fernab von Ortschaften erlaubt, wird diesen Negativtrend verstärken.
  • Das Straßenverkehrsaufkommen und der Gütertransitverkehr wachsen schnell: 1970 wurde noch 24% des Gütertransits auf der Straße transportiert, heute 66%. Beim öffentlichen Verkehr sind kaum Fortschritte erkennbar: Mobilität jenseits des privaten PKWs ist vielerorts kaum vorhanden.
  • Niedrige Preise für Agrarprodukte rauben Landwirtinnen und Landwirten die Existenzgrundlage, die bislang durch traditionelle Bewirtschaftungsweise das prägende Landschaftsbild erhalten. Die kleinteilige, dezentral organisierte Wirtschaftsweise ist im hocheffizienten internationalen Agrobusiness kaum konkurrenzfähig.
  • Das Urlaubsverhalten der Menschen hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Übernachtungszahlen und Aufenthaltsdauer sind rückläufig und Oberbayern kann mit der starken österreichischen Konkurrenz nicht Schritt halten. Der wachsende Tagestourismus bringt wenig Geld aber viel Verkehr.

  • Trotz guter wirtschaftlicher Lage arbeiten auch im bayerischen Alpenraum immer mehr Menschen im Niedriglohnbereich. Die Zahl der Menschen, die nur mit einem zusätzlichen Mini-Job über die Runden kommen, wächst auch in den reichen Landkreisen. Die Armutsgefährdung alleinerziehender Mütter und Kinderarmut sind überall anzutreffende Missstände. Gerade in ländlichen Regionen sind viele Frauen von Altersarmut betroffen, insbesondere jene, die entsprechend dem konservativen Familienbild zu Hause blieben um die Kinder zu versorgen und im Alter zu wenig Rente bekommen.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, braucht es eine politische Perspektive, die Natur- und Landschaftsschutz, Lebensqualität und Wohlstand für die Bevölkerung im bayerischen Alpenraum vereint. Eine Perspektive auf eine prosperierende Zukunft für die nächsten Jahrzehnte, in der es sich zu leben und zu investieren lohnt, in der Schönheit und Reichtum von Natur und Landschaft nicht aufgezehrt, sondern als gemeinsames Erbe und Kapital für morgen verantwortungsvoll erhalten und ideenreich gestaltet werden.

Diese GRÜNE Strategie für die Alpen- und Voralpenregion beinhaltet Natur- und Landschaftsschutz ebenso wie eine verträgliche Tourismusentwicklung oder Konzepte für zukunftsfähige Mobilität und eine erneuerbare Energieversorgung. Und sie setzt der viel beklagten Sogwirkung der Ballungsräume eigenständige, tragfähige Entwicklung entgegen.

Vielfalt und Schönheit von Natur und Landschaft erhalten

Die einzigartigen alpinen und voralpinen Lebensräume mit ihren Mooren, Flusslandschaften, Wäldern und Felslandschaften wollen wir GRÜNE erhalten. Der ökologische Reichtum und die landschaftliche Schönheit prägen die Region und sind die entscheidende Grundlage für Lebensqualität und wirtschaftliche Chancen für die Menschen, die hier leben.

DIE GRÜNEN wollen dieses einzigartige Ökosystem erhalten und pflegen:

  • Die hohe Biodiversität unter den Bedingungen des sich verändernden Klimas erhalten.
  • Bergwelt, Landschaft und Wandergebiete schonen und bewahren.
  • Keinen weitereren Ausbau von Beschneiungsanlagen.
  • Erhaltung der verbliebenen frei fließenden Gewässer. Renaturierungsmaßnahmen an geeigneten Flüssen und Bächen, um Fließgewässer wieder erlebbar zu machen. Öffnung von Retentionsflächen für den Hochwasserschutz. Revitalisierung von Mooren, unseren großen CO2-Speichern und Lebensraum bedrohter Arten. Neue Wasserkraftnutzung nur in naturschutzfachlich verträglicher Form z.B. durch kleine Laufwasserkraftwerke
  • Effektive Managementpläne und deren laufende Umsetzung für alle Schutzgebiete und ökologisch relevante Fließgewässer.
  • Wildtiermanagementkonzepte für wiederkehrende große Beutegreifer wie Braunbär, Wolf und Luchs – in enger Abstimmung mit den alpenländischen Nachbarn.
  • Sicherung von naturnahen Bergwäldern. Eine Reduzierung der vielerorts überhöhten Schalenwildbestände auf ein waldverträgliches Maß, damit die natürliche Verjüngung aller standortheimischen Baumarten, insbesondere der Weißtanne, gewährleistet werden kann.
  • Umsetzung eines Trittsteinekonzeptes für einen funktionsfähigen Biotopverbund. Im Staatswald Bestandsschutz für alte Wälder mit einem Bestand von Bäumen, die älter als 200 Jahre sind. Erhöhung des Totholzanteils in allen Besitzarten.

  • Prüfung der Einrichtung eines „König-Ludwig-Nationalparks“ im Gebiet des Ammergebirges und ggf. angrenzender Flächen.

Bäuerliche Landwirtschaft retten

Die Bäuerinnen und Bauern im Alpen- und Voralpenraum leisten einen wesentlichen Beitrag zur Pflege der Kulturlandschaft. Gut ein Drittel der bayerischen Alpenfläche wird landwirtschaftlich genutzt, ein großer Teil davon in traditioneller Bewirtschaftung. Leider bietet sie den Bäuerinnen und Bauern immer seltener eine ausreichende Lebensgrundlage. Die bäuerlichen Betriebe sind in einer globalisierten und industrialisierten Agrarwirtschaft selten konkurrenzfähig. Ziel der GRÜNEN ist es, die bäuerlichen Strukturen zu erhalten und insbesondere auch dem wachsenden Anteil der Betriebe im Nebenerwerb eine Zukunft zu bieten. Dazu gehört vorrangig die Veränderung agrarpolitischer Rahmenbedingungen auf Bundes- und Europaebene.

Die GRÜNEN wollen bäuerliche Landwirtschaft und die Erhaltung von Natur und Landschaft gleichermaßen sichern und entwickeln:

  • Keine Politik des Wachsen oder Weichens! Unterstützung bei der Umstellung auf ökologische Wirtschaftsweise statt Aufgabe oder Umstellung auf Massentierhaltung. Auch wo eine Umstellung noch nicht möglich oder gewünscht ist, wollen wir gute Zukunftsperspektiven für die bäuerlichen Betriebe erreichen.
  • Förderung der Direkt- und Regionalvermarktung, insbesondere in die Ballungsräume.

  • Entwicklung von Marken für regionale und möglichst ökologisch erzeugte Spezialitäten mit Aufbau von Vermarktunugsstrukturen wie z.B. beim Projekt Altmühltallamm. Eine Ausweisung von Naturparks kann diese Vermarktungsstrategie unterstützen.

  • Initiativen zur Diversifizierung des Produktangebotes aus der Landwirtschaft im Alpenraum mit höherer Wertschöpfung vor Ort, z.B. durch Gemüseanbau, besondere Tierrassen etc.

  • Ausbau der Kooperation mit ortsansässigen Handwerksbetrieben im Bereich der Lebensmittelverarbeitung zur Erzeugung hochwertiger Veredelungsprodukte.

  • Förderung kooperativer Konzepte zur Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte (Weidegenossenschaften, Stallpartnerschaften, Vermarktungsgenossenschaften, Erzeugergemeinschaften, etc.) durch Beratungsangebote sowie Investitionszuschüsse und Kredite mit Vorzugskonditionen aus landeseigenen Fördermitteln.

  • Wissenschaftliche Förderung von Nutzungskonzepten für die Grünlandwirtschaft im Nebenerwerb und jenseits der traditionellen Milchwirtschaft.

  • Zeitgemäße Weiterentwicklung und Bewerbung des Angebotes „Urlaub auf dem Bauernhof“

  • Erhaltung regionaler Schlachthöfe, die lange Tiertransporte vermeiden und lokales Handwerk unterstützen.

Bergwald sichern

Der Bayerischen Alpenraum ist mit rund 250.000 Hektar Bergwald knapp zur Hälfte bewaldet. Davon sind 147.000 Hektar Schutzwald nach dem Waldgesetz. Ein intakter Bergwald schützt vor Lawinen, Steinschlag, Murgang und Hochwässern. Er ist Lebensraum für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Für viele Arten sind die Bergwälder der Alpen letzte Rückzugsflächen. Bergwald leistet einen wichtigen Beitrag zur Luftreinhaltung, zum Schutz vor Bodenerosion und zur Produktion des nachwachsenden Rohstoffes Holz. Nicht zuletzt dient Bergwald als Erlebnisraum für Urlauber und Erholungssuchende. Auf einem Großteil der Fläche kann der Bergwald seine wichtigen Funktionen jedoch nur eingeschränkt erfüllen und steht vor grundlegenden Veränderungen. Aufgrund des Klimawandels wird nicht nur die Durchschnittstemperatur steigen. Auch die extremen Wetterereignisse, die Niederschlagsmengen, Stürme und Hitzeperioden werden zunehmen. Der sensible alpine Bergwald ist davon besonders stark betroffen. Ferner setzen die Abgase aus dem Straßenverkehr dem Bergwald stark zu.

DIE GRÜNEN wollen den Bergwald mit seinen mannigfaltigen Funktionen erhalten:

  • Die waldbauliche und naturschutzfachliche Beratung und Förderung des Privatwaldes durch die Bayerische Forstverwaltung muss insbesondere wegen der herausragenden Bedeutung des Bergwaldes bei Nutz-, Schutz- und Naturschutzfunktionen intensiviert werden. Hierfür muss entsprechendes Personal vorgehalten werden.

  • Bergwald schützt in vieler Hinsicht vor Gefahren – deshalb sollen Kahlschläge im Bergwald, analog den Vorschriften zum Schutzwald, grundsätzlich genehmigungspflichtig werden.

  • Markeninitiative „Bayerisches Bergwaldholz“ mit dem Ziel der Vermarktung einheimischer Holzarten für Qualitätsprodukte. Anreize zur Umsetzung von Bauprojekten in Holzbauweise. Realisierung geeigneter Bauvorhaben der öffentlichen Hand bevorzugt in Holzbauweise. Maßnahmen zur Erhaltung des regionalen holzverarbeitenden Gewerbes.

  • Der Wald kann sich aufgrund hohen Wildverbisses vielerorts nicht mehr mit den standortheimischen Baumarten verjüngen. Selbst kostenintensive Sanierungsflächen werden von überhöhten Wildbeständen geschädigt. Die Schalenwildbestände müssen deshalb auf ein Niveau begrenzt werden, das eine natürliche Verjüngung standortgerechter Bergwälder ohne Schutzmaßnahmen ermöglicht. Der ausreichenden Verjüngung der „Leitbaumart“ Weißtanne kommt hierbei entscheidende Bedeutung zu.

Wirtschaftliche Prosperität durch Vielfalt und Schwerpunktbildung

Die wirtschaftliche Entwicklung der Region bleibt hinter dem Wachstum in der Metropolregion München deutlich zurück. Die Region braucht hochwertige Arbeitsplätze für die langfristige Existenzsicherung der einheimischen Bevölkerung um weiterer Abwanderung junger Menschen entgegenzuwirken und Wohlstand auch für die Zukunft zu ermöglichen.

Die fortschreitende Digitalisierung bietet dabei riesiges Potenzial für Wertschöpfung in allen Teilen der Region: Vom Homeoffice über Existenzgründungen und Startups bis zu Callcentern oder Softwaredienstleistungen. Viele online-Dienstleistungen müssen nicht an teuren Standorten in Ballungszentren erbracht werden. Arbeiten und leben im Grünen ohne Pendlerdasein: eine attraktive Perspektive für Viele – schnelle Internetanbindung vorausgesetzt.

Die öffentliche Hand kann die Attraktivität des Alpenraumes fördern, indem sie Forschungs- und Bildungseinrichtungen in dieser Region ansiedelt. Denn davon gehen wichtige Impulse für Kultur und Wirtschaft einer Region aus, wie die Ansiedelung von Fachhochschulen in anderen Landesteilen gezeigt hat.

So wollen die GRÜNEN die Wirtschaft im bayerischen Alpenraum stärken:

  • Förderung und Weiterentwicklung der Gesundheitsregion bayerischer Alpenraum. Neben Angeboten der Behandlung und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen werden immer mehr kurative Einrichtungen für Wohlstands-Krankheiten wie Diabetes und Adipositas bereits im Kindes- und Jugendalter nachgefragt. Aber auch kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen finden in der Alpenregion einen geeigneten Standort. Genauso wie Phytotherapie, Psychosomatische Medizin, Sportmedizin und stationäre Psychotherapie. Die vielfältige Bäderwelt vor Ort hat eine lange Tradition, die durch durch Modernisierung, Bündelung und Profilbildung wieder wettbewerbsfähig werden soll.
  • Prüfung der Einrichtung einer Hochschule für nachhaltige Entwicklung (vgl. HNE Eberswalde) sowie von Gründungs- und Innovationszentren.
  • Förderung der Ausweisung von interkommunalen Gewerbegebieten mit einer langfristigen Entwicklungsstrategie.

  • Schwerpunktbildung mittelständischer Anlagen- und Maschinenbau, Instrumentenbau und insbesondere Holzwirtschaft und Holzarchitektur: Realisierung von Leuchtturmprojekten im Rahmen der Bautätigkeit der bayerischen Verwaltung.

Nachhaltiger Tourismus: Ohne Natur und Landschaft geht nichts

Die Tourismuswirtschaft steht vor besonders großen Veränderungen und Herausforderungen. Zum einen sinkt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Urlaubsgäste seit vielen Jahren drastisch. Offenbar wurde vielerorts, anders als in anderne Alpenregionen, auf eine falsche Tourismusstrategie gesetzt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Tagesausflüge in die Alpen, die aber eine relativ geringe Wertschöpfung bei hohem Verkehrsaufkommen mit sich bringen. Zum anderen sind viele oberbayerische touristische Angebote gegenüber der Konkurrenz in anderen Teilen der Alpen, insbesondere in den österreichischen Alpen, nicht mehr wettbewerbsfähig. Ferner locken billige Fernreiseziele aufgrund der niedrigen Flugpreise und der Städtetourismus erfreut sich wachsender Beliebtheit. Zahlungskräftige Fernreisende aus anderen Teilen der Welt werden aufgrund des adäquaten Angebots eher nach Österreich oder in die Schweiz gelockt.
Der Klimawandel wird nach allen wissenschaftlich belastbaren Prognosen den Alpinskibetrieb in den bayerischen Skigebiete fast ausnahmslos beenden – trotz künstlicher Beschneiung. Beeinträchtigungen des Landschafts- und Ortsbildes durch inadäquate Siedlungsentwicklung und Straßenbau, aber auch Verunstaltung von Wandergebieten durch bauliche Eingriffe für Beschneiungsanlagen und alpinen Wegebau reduzieren die Anziehungskraft dieser bayerischen Urlaubsregion.

Als wichtigstem Wirtschaftszweig kommt dem Fremdenverkehr hier eine besondere Schlüsselrolle zu. Um einem weiteren Niedergang der bayerischen Fremdenverkehrsorte im Alpen- und Voralpengebiet entgegenzutreten, den großen Investitionsstau zu beseitigen und dringend benötigte Fachkräfte in die Region zu locken, wollen die GRÜNEN entschlossen handeln:

  • Sicherung des größten Kapitals der Tourismuswirtschaft, der unverwechselbaren Orts- und Landschaftsbilder im bayerischen Alpenraum, vor weiterer Zersiedelung und Landschaftszerstörung: Der alpine Tourismus ist auf eine intakte Natur und die Schönheit der Landschaft und Orte angewiesen, ohne dass dadurch den Orten Entwicklungsmöglichkeiten genommen werden. Die Dörfer im oberbayerischen Alpenraum sollen sich nicht zu musealen Relikte erstarren sondern als eigenständige, lebendige, authentische Gemeinschaften chancenreiche Entwicklungsmöglichkeiten entfalten.
  • Gründung eines einheitlichen oberbayerischen Tourismusverbandes, der ein zeitgemäßes, erfolgreiches Marketing für unsere Urlaubsdestinationen aufbaut.

  • Entwicklung einer touristischen Dachmarke „Bayerische Alpen“. Klare Bezugnahme auf sanften, nachhaltigen, authentischen Tourismus. Zielgruppengerechte, gebündelte Vermarktung thematisch verwandter Aktivitäten. Beispielsweise sind regionale Bündelungen im Bereich Wassersport, Kultur, Bergsport etc. denkbar.
  • Beteiligung weiterer Gemeinden am internationalen Konzept der „Alpine Pearls“: Mitgliedsgemeinden bieten Gästen die Möglichkeit der autofreien An- und Abreise und die einfache Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort sowie klimaschonende Urlaubsangebote. Bislang sind nur Berchtesgaden und Bad Reichenhall Mitglied. Als Vorbilder dienen erfolgreiche Konzepte wie in der österreichischen Gemeinde Werfenweng.

  • Entwicklung von naturverträglichen Alternativen zum alpinen Skisport für das Winterhalbjahr: Traditionelle Schlitten-Hüttentouren, Rodeln, Schnee(schuh)wandern, Eissport, Winterreiten, Kutschfahrten, Gesundheitsangebote.
  • Schaffung neuer Angebote jenseits des Skitourismus: Fahrradtourismus mit Serviceinfrastruktur, Ausweitung von Wanderzielen mit Hütten- und Almübernachtungen, Serviceangebote rund um Aktivsportarten wie Canyoning, Kajak, Rafting, Surfen, Stand Up Paddling, Klettern, Paragliding etc., selbstverständlich im Einklang mit Natur- und Landschaftsschutz.
  • Diversifizierung touristischer Angebote im Ganzjahresbetrieb im Gesundheitsbereich, Modernisierung des Angebotes „Urlaub auf dem Bauernhof“, Ausweitung von Angeboten der Umweltpädagogik, Klassenfahrten, Seminar- und Tagungshäuser, Eventgastronomie, Anreize zur Ausweitung kultureller und gastronomischer Angebote, Einkaufserlebnisse (u.a. Einkaufen auf dem Bauernhof).
  • Schaffung autofreier Mobilitätskonzepte in den Urlaubsdestinationen, um gezielt auch Reisende ohne PKW-Anreise anzulocken.
  • Förderung der Barrierefreiheit aller Angebote

  • Förderung von Qualitätsstrategien wie Quality of Service Label (QoS), Online-Buchbarkeit von Dienstleistungen und Tickets, Ticketing- und Reservierungssystem zur Vermeidung von Wartezeiten bei stark frequentierten Destinationen etc.
  • Kein weiterer Ausbau massentouristischer Angebote, insbesondere im Skisport, da mittel- und langfristig der Klimawandel dem Skisport am Alpennordrand Grenzen setzt. Kein Ausbau der künstlichen Beschneiung.

Lebendige Kulturszene unterstützen

Die Alpenregion war stets ein mannigfaltiges, heterogenes Gebiet mit selbstbewussten, eigenständigen Kulturformen und lebendigen Kulturszenen. Kultur in den Alpen beschränkt sich keineswegs auf historische Baudenkmäler. Musikerinnen und Musiker aller Sparten, Malerinnen und Maler, Bildhauerinnen und Bildhauer, großartige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Schauspielerinnen und Schauspieler, Filmschaffende und viele andere prägen die Kulturszene im Alpenraum. Die Kulturwirtschaft spielt hier eine große Rolle und ist ein bedeutender Wirtschafts- und Standortfaktor.

Noch weitgehend ignoriert von der staatlichen Kulturförderung zeigen Festivals wie das Heimatsound-Festival in Oberammergau oder der internationale Erfolg von Bands wie LaBrassBanda oder Django3000 wie einflussreich, kreativ und aktuell sich das kulturelle Leben im bayerischen Alpenraum auch für neue Zielgruppen entwickelt.

Die Kulturszene im bayerischen Alpenraum strahlt über die Grenzen der Region hinaus und erreicht damit als Werbeträger insbesondere auch junge Menschen in nah und fern. Die GRÜNEN wollen diese Kreativität in der Region und insbesondere Kulturangebote für Kinder und Jugendliche stärker fördern. Ebenso setzen wir uns ein für eine verlässliche Förderung des traditionellen Kulturangebots.

Intaktes Orts- und Landschaftsbild statt Zersiedelung

Ein intaktes Landschafts- und Ortsbild ist grundlegende Voraussetzung für den Tourismus und für die Lebensqualität der Menschen vor Ort. Deshalb muss künftig sorgsamer auf eine organische und verträgliche Siedlungsentwicklung geachtet werden. Anstatt Großmärkte, Discounter und Fast-Food-Ketten am Ortsrand mit zusätzlichen Verkehrsaufkommen zu schaffen, wollen wir die Ortszentren stärken.

Aufgrund der Abwanderung junger Menschen in größere Städte wie München oder Augsburg sowie dem hohen Anteil an Zweitwohnungen in den Alpenlandkreisen droht eine Entleerung und Überalterung mit weitreichenden negativen ökonomischen und sozialen Folgen.

Die GRÜNEN wollen den ländlichen Raum wieder anziehend auch für junge Menschen machen:

  • Schnelles Internet für alle Haushalte. Flächendeckend gute Mobilfunkversorgung.

  • In den Klein- und Mittelstädten des Voralpenlandes soll der Grundsatz „kompakt, urban, grün“ gelten. Eine kompakte, urbane und gut durchgrünte Nachverdichtung im Zentrumsnähe ist einer Zersiedelung am Ortsrand vorzuziehen.

  • Leitbild „Stadt der kurzen Wege“: Möglichst viele Wege des täglichen Bedarfs in Klein- und Mittelzentren sollen von der Wohnung aus bequem fußläufig oder mit dem Fahrrad erreichbar sein anstatt auf eine PKW-Fahrt ins Einkaufszentrum auf der „grünen Wiese“ angewiesen zu sein. Auch angesichts der Alterung der Gesellschaft sind gute Siedlungsstrukturen eine zunehmend wichtige Vorsorge für ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben im Alter.
  • Gestalterische Maßnahmen und Verkehrsberuhigung zur Aufwertung der Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum der kleineren Orte und Dörfer. Dadurch Steigerung der Attraktivität kleinerer Siedlungen für die Bewohnerinnen und Bewohner und den Tourismus.

  • Programm zur Unterstützung von Dorfladeninitiativen zur Sicherung der Nahversorgung und Verkehrsvermeidung

  • Unterstützung von interkommunalen Gewerbegebieten um dem Gewerbesteuerwettbewerb der Kommunen entgegenzutreten
  • Wiedereinführung des von der Staatsregierung aufgehoben Anbindegebots, das Gewerbegebiete auch weit abseits von Ortschaften an Autobahnen ermöglicht.

Mobilität für alle – nicht nur im Auto

Der Individualverkehr und der Schwerlastverkehr stellen erhebliche Belastungen des Alpenraumes dar. In sehr dünn besiedelten Gebieten wird der private PKW weiterhin das Rückgrat der Mobilität bilden – zumindest bis zum nächsten ÖPNV-Knotenpunkt. Ein besserer ÖPNV zwischen den Klein- und Mittelstädten der Region ist eine wesentliche Voraussetzung um Mobilität für alle zu sichern. Auch für diejenigen, die kein Auto haben oder wollen oder die ohne Auto als Feriengäste kommen.

Ein erheblicher Teil des Verkehrs ist jedoch auf Kurzstrecken innerhalb von Orten oder in nahe gelegene Nachbarorte zurückzuführen. Immer mehr Menschen wollen Kurzstrecken in vielen Fällen gerne mit dem Fahrrad zurücklegen – vorausgesetzt, die Radinfrastruktur bietet eine sichere und bequeme Verbindung. Die rasante Verbreitung von Fahrrädern mit elektrischer Unterstützung beschleunigt den Megatrend Radverkehr – auch bei älteren bzw. mobilitätseingeschränkten Personen und im hügeligen Gelände.

Die GRÜNEN wollen zukunftsfähige Mobilitätsangebote schaffen:

  • Schaffung flächendeckender, einheitlicher und einfacher Tarifverbünde.

  • Deutliche Stärkung des ÖPNV, Verbesserung der Verkehrsangebote zwischen den Zentren. Förderung aus Landesmitteln, insbesondere zur Versorgung in großen Flächenlandkreisen.
  • Ausbau der eingleisigen Strecken für einen dichteren Takt. Elektrifizierung aller Bahnstrecken. Ausbau der Bahnstrecke München-Weilheim-Garmisch. Neubau einer Bahnverbindung von Weilheim nach Bad Tölz für eine tangentiale Querverbindung.
  • Kein 6-spuriger Ausbau der A8 Ost und kein Bau der B15neu. Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten!

  • Kein Bau des Kramertunnels bei Garmisch auf der geplanten, sogenannten Amtstrasse. Wir GRÜNE lehnen die Umsetzung der Planänderung zum Ausbau der B23 Ortsumgehung Garmisch-Partenkirchen ab.

  • Verlagerung insbesondere des alpenquerenden Verkehrs von der Straße auf die Schiene in enger Abstimmung mit den österreichischen Nachbarn.

  • Verbesserung der Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr.

  • Freie Fahrradmitnahme im ÖPNV. Auch im Bus, wie bei Vorbildprojekten in Österreich.
  • Entwicklung und Umsetzung von regionalen e-Mobility Konzepten zur Ergänzung des öffentlichen Verkehrsangebotes. Förderung des Ausbaus der Car-Sharing-Angebote. Schaffung von landkreisübergreifenden ÖPNV-Angeboten entlang der Ost-West-Achse
  • Deutliche Verbesserung der Verkehrserschließung in Ost-West-Richtung, ohne Steigerung des Individualverkehrs. Straßenausbau, wenn überhaupt, nur für die Erfordernisse der Region ohne überregionale Verkehrswirksamkeit.

  • Ausbau des interkommunalen Fernradwegenetzes. Vernetzung des Radwegs Bodensee-Königssee mit regionalen Radwegen. Verbesserung und Verstetigung des E-Bike-Angebotes mit Ladestationen und Service-Angeboten.

  • Ausbau der kommunalen Fahrradinfrastruktur mit eigenen, sicheren Radwegen in Städten, ausreichenden, überdachten Radabstellanlagen an allen öffentlichen Liegenschaften und größeren Unternehmen. Erhöhung des Fahrradanteils im innerörtlichen Verkehr.

  • Entwicklung von attraktiven Mobilitätskonzepten, die der wachsenden Zahl von in- und ausländischen Touristinnen und Touristen regionale Mobilität bieten, die nicht mit dem Auto anreisen wollen oder können.

  • Verbesserung des Lärmschutzes im Bestand von Schienenwegen und Straßen.

Chancen der Energiewende nutzen

Es ist nicht mehr zu leugnen, dass der Klimawandel im Alpenraum massive Veränderungen mit sich bringt. Die Energiewende ist deshalb gerade für dieses Gebiet zukunftsentscheidend. Städte können sich naturgemäß nicht vollständig selbst mit Energie versorgen. Daraus erwächst eine große Chance für den ländlichen Raum. Auch die Alpenregion hat große ungenutzte Potenziale in der Energiegewinnung – zur Selbstversorgung und für die lukrative Energiebereitstellung für Städte.

Die GRÜNEN wollen diese Potenziale nutzen und damit die Wirtschaft und Wertschöpfung im ländlichen Raum stärken:

  • Förderung regenerativer Energien insbesondere Solarenerge, Wasserkraft und Geothermie. Der Ausbau der Wasserkraft darf nur dort erfolgen, wo er ohne Eingriff in den Naturhaushalt möglich ist, z.B. Über kleine Laufwasserkraftwerke
  • Ausbau der Windenergie an geeigneten Standorten, wo dies von den Bürgerinnen und Bürgern der anliegenden Gemeinden gewünscht ist.

  • Förderung dezentraler Energieprojekte, insbesondere den Betrieb von BHKWs und der Errichtung lokaler Nahwärmenetze

  • Förderung moderner, genossenschaftlicher Biogasanlagen zur Aufbereitung von Abfall- und Reststoffen sowie von tierischen Nebenprodukten.

 

Alpenplan einhalten, Alpenkonvention umsetzen!

Bereits 1972 wurde im sogenannten Alpenplan die Erschließung der bayerischen Alpen geregelt und begrenzt. Im Jahr 1991 wurden mit die Alpenkonvention von allen Anrainerstaaten unterzeichnet. Leider fehlt es gerade in Bayern am politischen Willen, die Protokolle und Deklarationen der Alpenkonvention tatsächlich umzusetzen, wie die aktuellen Auseinandersetzungen um die Skischaukel am Riedberger Horn im Allgäu exemplarisch zeigen. Die Wirtschafts- und Landwirtschaftspolitik der EU setzte bislang ebenfalls wenig Anreize, die die Umsetzung der Alpenkonvention vorangebracht hätten.

Die GRÜNEN treten dafür ein, den Alpenplan einzuhalten und die Alpenkonvention endlich umzusetzen. Nur so können Lebensgrundlagen und Lebensqualität der Menschen, die Artenvielfalt und die einzigartigen Kulturlandschaften für nachfolgende Generationen erhalten bleiben.


 

Einstimmig verabschiedet von der Bezirksversammlung Bündnis 90/DIE GRÜNEN Oberbayern am 8.10.2016 in Unterschleißheim.

Antragsteller*in: Bezirksvorstand Oberbayern von Bündnis 90 / DIE GRÜNEN, u.a.



Download als PDF


Verwandte Artikel